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1981: Als Kanzler Schmidt im BwZK Klavier spielte

Erinnerung Regierungschef erhielt in Koblenz einen Herzschrittmacher – und musizierte

Von RZ Mitarbeiterin Annette Hoppen

Koblenz. Trauer um Helmut Schmidt: Mit 96 Jahren ist der Altkanzler am Dienstag in seiner Heimatstadt Hamburg gestorben. Um sein Leben bangten die Deutschen aber auch vor 34 Jahren schon einmal – und die besorgten Blicke aus der Republik richteten sich damals in Richtung Koblenz.

Im Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZK) wurde der damalige SPD-Kanzler im Oktober 1981 wegen eines Herzleidens behandelt. Schmidt habe mehrmals das Bewusstsein verloren, sein Leben hing an einem seidenen Faden, hielten sich damals hartnäckig die Gerüchte. Das Bonner Kanzleramt dementierte, sprach zunächst von einer fiebrigen Erkältung. Schließlich wurde Schmidt in Koblenz ein Herzschrittmacher eingesetzt.

kanzler_schmidt_121115Helmut Schmidt in seinem Koblenzer Krankenzimmer Foto: dpa

Vom Krankenbett aus regierte der Kanzler weiter, bestellte seine Minister, darunter auch den damaligen Außenminister Genscher, kurzerhand nach Koblenz ein – und nebenher spielte er im Krankenzimmer immer wieder Mozart und Bach auf einem kleinen tragbaren Keyboard der evangelischen Kirchengemeinde Lützel.

In der war 1981 Klaus Dannert Pfarrer, ein glühender Verehrer der SPD-Politikers. „Deshalb wusste ich, dass Schmidt zur Entspannung gern musizierte“, erinnert sich der heute 85-jährige Geistliche. In der Vinyl-Sammlung des Pfarrers befand sich sogar eine Langspielplatte: „Helmut Schmidt – Kanzler und Pianist.“

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Klaus Dannert hat das Dankesschreiben von Helmut Schmidt bis heute aufgehoben. 1981 lieh der Pfarrer dem damaligen SPD-Kanzler sein tragbares Klavier, als Schmidt im Koblenzer BwZK behandelt wurde. Foto: Annette Hoppen

Als Dannert erfuhr, dass Schmidt im Koblenzer Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZK) behandelt wird, packte er spontan das kleine tragbare elektronische Klavier der Kirchengemeinde ein und fuhr in Richtung Metternich. „Ich dachte, damit kann sich Schmidt ein wenig ablenken. Er sollte an etwas anderes denken als nur an seine Krankheit oder die große Politik.“ So einfach erhält aber auch ein Mann Gottes nicht Zutritt zu einem Staatsmann, schon gar nicht mit einem Paket unter dem Arm. „Zuerst einmal wurde das Klavier ganz genau untersucht, ob sich da nicht vielleicht Sprengstoff drinnen verbirgt“, erzählt Dannert, in dessen Erinnerung die Szenen auch nach mehr als drei Jahrzehnten nicht verblasst sind. Schließlich wurde der Pfarrer vorgelassen, sollte aber vor dem Krankenzimmer Schmidts noch warten. „Drinnen liefen Amtsgeschäfte, Kanzleramtschef Manfred Lahnstein war gerade zu Besuch.“

Etwa zwei Stunden harrte Dannert aus, dann wurde ihm angedeutet, dass noch einmal mindestens zwei weitere Stunden ins Land gehen würden, bis er Schmidt das Klavier überreichen könne. „Da habe ich es einfach dort gelassen und gebeten, man möge es dem Kanzler aushändigen“, erzählt er.

Und das haben die Schwestern und Pfleger dann auch getan. Sehr zur Freude des Kanzlers. Oft und viel habe er auf dem Instrument gespielt, wurde Pfarrer Dannert vom Krankenhauspersonal berichtet. Das Instrument wurde ihm zurückgebracht, nachdem Schmidt wieder nach Bonn abgereist war. Für Dannert war die Geschichte damit eigentlich schon beendet. Bis dann ein auf den 20. November 1981 datiertes Schreiben bei ihm im Briefkasten landete. Briefkopf: Bundeskanzleramt mit Unterschrift des Kanzlers höchstpersönlich.

Schmidt bedankte sich bei Dannert für die Leihgabe, bekundete, wie sehr es ihm Freude bereitet habe, auf dem Instrument zu spielen. Das Klavier ist mittlerweile verschollen. Die Erinnerung aber bleibt. Und die Haltung: „Schmidt war ein guter Kanzler. Ich habe ihn bewundert. Allerdings mit Einschränkung, nachdem er sich für die Nachrüstung eingesetzt hatte“, sagt der Pfarrer – und fügt hinzu: „Aber wie dem auch sei: Helmut Kohl hätte ich kein Klavier gebracht.“

Quelle Rhein Zeitung 12.11.2015

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