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„Alle wollen nur das Beste für Pflegebedürftige“

In einem detailreichen Vortrag räumte Experte Oliver Stemmann mit Mythen und Vorurteilen rund um die Pflegbranche auf und gab zugleich tiefe Einblicke in die jeweiligen Tagesabläufe

Erstaunt waren sicher viele Zuhörer, die dem Vortrag des Berliner Pflegexperten Oliver Stemmann folgten. Knapp eine Stunde lang stellte Stemmann dabei „gängige Meinungen und Mythen“ rund um das Geschehen in der Pflege den tatsächlichen Gegebenheiten gegenüber und untermauerte jede einzelne mit eindrucksvollen Fakten.

„Alle in der Pflege Beschäftigten wollen nur das Beste für Pflegebedürftige“, versicherte Oliver Stemmann, „sonst würden sie diesen Beruf nicht ausüben.“ Er selbst begleitete viele Jahre lang die unterschiedlichsten Positionen im Pflegebereich und so merkte man rasch, dass er für seine Kollegen eine Lanze brechen wollte. „Niemand ist wirklich freiwillig in einer stationären Pflegeeinrichtung“, eröffnete Stemmann seinen Vortrag, „dort ist man nur, wenn das eigene Leben zuhause oder die Versorgung durch Angehörige nicht mehr möglich sind.“ Wie er weiter ausführte, wachse bei vielen Angehörigen aus der Situation heraus, jemanden dann doch in professionelle Pflegehände geben zu müssen, das schlechte Gewissen. „Durchaus menschliche Versehen des Personals, wie sie immer vorkommen können, werden dann nicht mehr entschuldigt oder verständnisvoll betrachtet“, sagt er, „all das wird vor dem Hintergrund, dass der Angehörige jetzt in einem Heim leben müsse, was er eigentlich nie wollte, als feindselig wahrgenommen.“ Die oft einhergehende Verschlechterung des Gesundheitszustandes aufgrund der Tatsache, dass in einer Einrichtung der letzte Lebensabschnitt begleitet wird sowie einzelne „Skandal-Berichterstattungen“ verfestigten seiner Meinung dann unter dem Strich das vorhandene Berufs- oder Pflegebild als allgemeine Tatsache. „Lob bekommen die Mitarbeiter eher selten“, bedauert Oliver Stemmann, „in einer Pflegeeinrichtung wird 365 Tage lang in Schichten rund um die Uhr gearbeitet. Da ist es logisch, dass unbeabsichtigt auch einmal Fehler entstehen können.“
Auch den Mythos, dass in der Pflege schlecht gezahlt wird, rückte der Referent in den Fokus. Für ihn habe dieses „Märchen“ letztlich auch zur Folge, warum junge Menschen derartige Berufsausbildungen erst gar nicht für sich in Betracht ziehen. „Ein Azubi bekommt in unseren Einrichtungen im ersten Lehrjahr rund 1200 Euro, in jedem weiteren rund 100 Euro monatlich mehr“, hielt er fest, „wer mit 16 die Ausbildung zur Fachkraft beginnt und das Examen besteht, verdient dann schon mit 19 Jahren durchschnittlich 3400 Euro plus Zuschläge! In dem Alter macht ein zukünftiger Mediziner gerade sein Abitur“, fügte er augenzwinkernd hinzu. Dabei sei das „Ende der Fahnenstange“ noch nicht erreicht, denn ab Herbst greife das Tariftreuegesetz, das noch einmal zu eklatanten Gehaltssteigerung führen, gleichzeitig aber auch die Pflegekosten deutlich erhöhen werde.

Auch das immer wiederkehrende Vorurteil, private Betreiber von Pflegeheimen würden nach anderen Regeln arbeiten als zum Beispiel karitative, weil sie ausschließlich Gewinnabsichten und das Sparen zum Ziel hätten, erläuterte Oliver Stemmann sehr tiefgreifend. „Die Pflegebranche ist eine der am stärksten kontrollierten Branchen in Deutschland“, merkte er an, „für alle Betreiber gelten dieselben gesetzlichen Regeln und Vorgaben. Die Pflegesätze, die auch die Gehälter beinhalten, werden mit den Kassen gemeinsam verhandelt. Das täglich zu stellende Personal ist gesetzlich vorgeschrieben – da darf man gar nicht sparen, sonst hat das mehr als sehr ernste Konsequenzen.“ Und auch die Kosten für Hilfs- und Pflegematerialien thematisierte der Berliner Experte. Es kursiere auch diesbezüglich stetig das Gerücht, ein Pflegeheim würde daran sparen, um mehr Gewinne zu machen. „Inkontinenzvorlagen oder andere Materialien werden von den Pflegekassen für jeden Bewohner erstattet“, sagt er und weiter „hier sparen zu wollen, macht somit gar keinen Sinn und zum anderen würde das deutlich Mehrarbeit für alle Beteiligten auslösen.“

In der anschließenden Fragerunde wurde zudem auch das Thema der Essensversorgung für Bewohner diskutiert. „Es kursieren die wildesten Mini-Zahlen dazu, was das angeht“, stellte Oliver Stemmann fest. Fakt sei, dass in allen Alloheim Senioren-Residenzen täglich mit eigenen Teams frisch gekocht werde und ein durchschnittliches Budget von rund 15 Euro pro Bewohner zur Verfügung stehe. Auch der Heimbeirat habe ein Mitspracherecht bei der Essensgestaltung. „Wir haben auch mit eigenen Küchenbeiräten beste Erfahrungen gemacht, die an den Speiseplänen täglich mitwirken!“

Seinen Vortrag schloss Stemmann mit dem Appell, sich grundsätzlich immer selbst ein Bild von einer Pflegeeinrichtung zu machen. Ob ehrenamtliche Tätigkeiten, um die Senioren zu unterhalten oder zu unterstützen, Mithilfe und Organisation von Ausstellungen und Festen oder auch, wenn man als berufsfremder einen Job sucht: „Nutzen Sie die Chance und reden selbst mit den Menschen.“ So haben beide Seiten viel davon, denn: „Die Bewohner einer Residenz bilden den Querschnitt unserer Gesellschaft. Man kann unglaublich viel von den Lebenserfahrungen der Senioren lernen und profitieren.“

Wer sich Oliver Stemmanns Vortag im Nachgang anschauen möchte, kann dies unter dem Weblink „www.alloheim.de/veranstaltung-stemmann“ jederzeit tun.

Gabi Weber Seniorenresidenz Theresiahaus – 14.06.2022

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